Text: Michi
Schwarzwald-Tour 2010
oder
„Eine Tour für große Buwe“
 
Vorm Start: Letzte Elektrolyte am Karlsruher Hauptbahnhof
Vorwort
Nach der relativ flachen Nahe-Tour im Frühjahr (300km in 3 Tagen) wagen wir uns mit
dieser Tour ins deutsche Mittelgebirge, bevor dann irgendwann auch mal die Alpen an
die Reihe kommen sollen. Die ursprüngliche Idee den Schwarzwaldweg abzufahren
und dann von Lörrach nach Karlsruhe mit den Zug zurückzutuckern wurde dann auch
schnell über den Haufen geworfen - die Hinfahrt auf drei Tage gestrafft und zwei Tage
Rückfahrt am Rhein hinzugefügt. Eine gute Idee…? Ihr werdet´s erfahren…
Die Etappen-Übersicht (in Klammern die geplanten km, hinten die realen)
1.
Etappe
Karlsruhe – Freudenstadt (130km)
104,67 km
2.
Etappe
Freudenstadt – Furtwangen (110km)
101,93 km
3.
Etappe
Titisee-Neustadt – Steinen (90km)
          
  87,30 km
4.
Etappe
Steinen – Kehl (130km)
 
153,38 km
5.
Etappe
Kehl – Karlsruhe (90km)
           98,09km
                                                                                _______________
  545,37km
1. Etappe: Karlsruhe – Freudenstadt:
„Es rollt am Anfang ganz gut … ???“
Voller Tatendrang ging es los – doch schon nach 6km der erste Dämpfer. Schild übersehen
und schon steht man in Ettlingen – „zurück fahr ich nicht“ (Zitat Rouven - ein Motto, dass sich in
der Tour durchaus etablierte) – also wurde direkt mal improvisiert. Schnell wurde jedoch klar: Es
geht bergauf, sehr zu leid des von Verstopfungssymptomen gehandicapten Rouven. Über
Dobel geht es hoch bis auf 800m, bevor eine rasante Abfahrt nach Gernsbach ins Murgtal
führt. Doch auch hier gilt: Rollen tut hier schon mal gar nix. Stetig geht es bergauf,
landschaftlich aber wirklich nett – nur schöne Biergärten fehlen hier irgendwie.
Wir entscheiden uns, die nächsten knackigen Anstiege zum Kniebis zu umfahren, doch
Temperaturen von bis zu 35°C im Schatten fordern trotzdem ihren Tribut. Zu wenig Essen, die
angesprochenen Verdauungsprobleme und das harte Profil führen dazu, dass Rouven die
letzten 20km mit der Bahn zurücklegen muss. Im Nachhinein die absolut richtige Entscheidung,
denn Rampen von bis zu 22% lassen den Weg hoch nach Freudenstadt bei der Hitze zur nicht
enden wollenden Tortur werden.
Ein paar Daten:
Höhenmeter bergauf:
1749m
Durchschnittsgeschwindigkeit:       17,07km/h
Durchschnittliche Herzfrequenz:
125 Schläge/min
Unter Krämpfen wurde für Michael selbst das Duschen zur Qual. Zu ausgelaugt war der Körper.
Da entschädigte auch die Auszeichnung „kämpferischster Fahrer der Etappe“ nicht wirklich. Erst
der Konsum eines Schnitzels mit Pommes und einer großen Pizza zum Nachtisch brachte die
erhoffte Besserung und führte gemeinsam mit einer großen Portion Pferdebalsam zu einer
angenehmen Nacht in der Jugendherberge.
2. Etappe: Freudenstadt – Titisee-Neustadt:
„Gewitter und Berge ohne Ende…“
Eins war nun klar: Der Schwarzwaldweg ist in seiner kompletten Länge – zumindest von uns – auf
keinen Fall in 3 Tagen komplett zu durchfahren. Einfach zu viele Berge im Weg. Doch es gibt ja
auch Täler im Schwarzwald und eben diese Varianten wollten wir ab sofort einbauen. So ging es
über die Kinzig-Talsperre eine herrliche Abfahrt hinunter ins Kinzigtal, wo wir in Wolfach zeigen
wollten, dass wir gelernt haben und erstmal einen deftigen „Straßburer Wurstsalat“ nebst Weizen
verzehrten. Bei Halsach verließen wir die Kinzig, nahmen im Ochsen in Mühlenberg noch ein
letztes Weizen, bevor der erste Aufstieg des Tages begann. Pünktlich öffnete der Himmel seine
Pforten und stellte zum ersten Mal die Regentauglichkeit unserer Jacken auf die Probe. Während
Rouvens Vaude-Jacke mit Bravour bestand, fiel Michaels Killtec-Modell gnadenlos durch. Doch
der Anstieg mit 20%-Passagen ließ erstmal keine Kälte aufkommen. In der Hälfte wurde die
Kleidung gewechselt und es ging in den zweiten Abschnitt (immer mal zur Erinnerung: wir hatten
keine Ahnung, wie lang das bergauf geht): Jetzt ging es permanent mit 5 bis 6% Steigung nach
oben. Insgesamt über 20km bei einer Fahrzeit von über 2 Stunden strampeln bis der Arzt kommt
- Kühlung von oben inklusive. Nach einer kurzen Abfahrt nach Schonau ging es erneut nach
oben (an den Skischanzen vorbei) hinaus zur Brenter Höhe auf über 1100m. Spätestens als wir
gegen halb 9 die falsche Abfahrt (nach Furtwangen und nicht nach Neueck) genommen und
300 Höhenmeter verloren hatten, war klar: Das wird heut nix mehr. Als letzter Joker half Tina´s
Besenwagen aus Villingen, die schier unüberwindbaren restlichen 30km mit etlichen Anstiegen
zu überwinden. Allein die Jugendherberge war gaaaaaaanz weit oben am Berg und wäre wohl
allein schon genug Herausforderung gewesen. Also nochmal: Vielen Dank, Tina!
Ein paar Daten:
Höhenmeter bergauf:
    1496m
Strecke bergauf :
    27,84km mit durchschnittlich 5%, maximal 19%
Durchschnittliche Herzfrequenz:        117 Schläge/min (maximal 174)
Das Niveau des schnell noch organisierten Kebaps passte sich leider der Jugendherberge an.
Auch Schuhe und Kleidung konnten lediglich notdürftig getrocknet werden, weshalb die
Stimmung kurzzeitig etwas in den Keller ging.
4. Etappe: Steinen - Kehl
Nach einem wirklich guten Frühstück ging´s durchs Hinterland Richtung Rhein. Nicht wirklich flach,
also auch nicht wirklich clever. Kurz vor Bad Bellingen rastete Rouven´s Kettenritzel nicht mit in der
Hinterradnabe ein – sieht oft ganz lustig aus, ist es aber nicht. Michael konnte ihn gerade noch
vorm kompletten Ausbau in der Wildnis abhalten und bei regelmäßiger Trittfrequenz am Rhein
verbesserte sich das Problem auch. Schon früh entschlossen wir uns zur Mittagspause und lernten,
dass eine Grillplatte mit Spätzle gut schmeckt, die Weiterfahrt jedoch beeinträchtigen kann. Der
Rest des Tages ist schnell erzählt: Es ging geradeaus – insgesamt 120km flach, nicht merkbar
abschüssig. Den Entfernungsangaben ortsansässiger Wirte sollte man besser nicht vertrauen,
Schilder sind rar gesät – brauch man ja auch nicht, geht ja am Rhein lang. Auch Gonso´s
Sitzcreme, eine weitere Neuentdeckung der Tour, schaffte es jetzt nicht mehr, den permanenten
Druck aufs Gesäß zu kompensieren. Hinzu kamen Rouven´s Wahnphasen, in denen er aus dem
Windschatten heraus nach vorne stürmte und 5-6km mit ca. 32km/h bolzte, weils ja „auch Spaß
machen muss“. Musik auf einem Ohr mittels mp3-Player hilft absolut bei solcher Monotonie und
veranlasste so manchen Passanten sicherlich zum Staunen. Summa summarum: Kein Wunder,
dass wir uns am Abend komplett blau gefahren hatten. Ausgewogene Ernährung fanden wir im
güldenen M zwar nicht, dafür aber kühles Pils an der Tankstelle.
Auch hier einige Daten:
Zeit auf dem Rad:           6 Stunden 55 Minuten
Durchschnittsgeschwindigkeit: wahnsinnige 22,09km/h
Verbrauchte Kalorien:         3075kcal (Rouven über 6000!!!)
5. Etappe: Kehl - Karlsruhe
Die Nacht wurde dann zur nächsten Qual, da Rouven versuchte den benachbarten 150m hohen
Holzturm zum Einsturz zu bringen, um so den Zugang zum Fahrradkeller zu versperren.
Ohrenstopfen linderten den Radau ein wenig, nichts desto trotz trat Michael ein wenig missmutig
den Gang zum spartanischen Frühstück an.
Die Schlussetappe erinnert vom Profil an niederländische Verhältnisse. Hilft aber auch nix, wenn
Oberschenkel, Knie, Hintern, Rücken und Handgelenke nicht mehr wirklich wollen. Immerhin das
Wetter spielte mit und so kämpften wir uns in 20km-Schritten nach vorne. Bei Iffezheim verließen
wir dann den Rhein, um über die Metropolen Steinmeuren, Au am Rhein und Plittersdorf auf
wirklich netten Radwegen Richtung Karlsruhe zu rollen.
Die Daten der Schlussetappe:
Höhenmeter bergauf:
   lächerliche 155m
Durchschnittsgeschwindigkeit:
   22,36km/h
Durchschnittliche Herzfrequenz:
  101 Schläge/min
Auffallend, dass beiden der Puls nun deutlich niedriger lag, als bei vergleichbaren Belastungen
vor der Tour. Ein Trainingseffekt könnte sich hier also durchaus eingeschlichen haben???
Fazit.
Eine wirklich nette Tour in toller Landschaft, die bei besserem Wetter und ein klein bisschen
realistischerer Planung vielleicht noch einen Tick gelungener ausgefallen wäre. Die Strecke am
Rhein ist zwar flach und gut zu fahren – 240km sind aber einfach zu lang und enttäuschen nach
den tollen Berglandschaften doch etwas. An Murg, Kinzig und Wiese sind jedoch wirklich tolle
Touren möglich. Und die 1500m des Feldbergs werden mit Sicherheit nicht das Ende der
Höhenskala sein.
3. Etappe: Titisee-Neustadt - Steinen
Der Morgen beginnt natürlich mit einer rasanten Abfahrt bei gefühlten -5°C, was Michael
schnurstracks in den nächsten Intersport fahren lässt. Die Auswahl ist groß, doch eine
Regenjacke passt wohl kaum noch in die vollen Taschen. So werden es Ärmlinge – im
Nachhinein die absolut richtige Entscheidung.
Nach dem Vorgeplänkel geht’s den Feldberg hoch – und wie. Gleich mehrere 20%-Rampen
testen die Muskeln. Im Hamstergang geht’s Meter für Meter nach oben, dann eine kurze
Querpassage zur Caritasstation, von dort weiter zur Ski-Talstation. Leider regnets schon wieder –
macht nix, Gulaschsuppe, Weizenbier und Lumuba kennen wir ja aus dem Skiurlaub. Ein
hilfsbereiter Tisch-nachbar mit guten Kartenmaterial ist auch schnell gefunden, fast zwei Stunden
vergehen, aber das Wetter wird nicht besser. Aber wo wir schon mal da waren, wollten wir uns
den Gipfel nicht nehmen lassen. Getreu dem Feuerwehr-Motto: „Wir fahren hoch, der Rest fährt
runter“ zuckeln wir die Serpentinen hoch zum Gipfel, um im Nebel nicht mal 20m weit zu sehen.
Die anschließende Abfahrt begann nach einer falschen Abbiegungsentscheidung mit einem
Mountainbike-Trail, der Material und Moral gleichermaßen beanspruchte. Ab der Todtnauer
Hütte folgte dann über asphaltierte Straßen im strömenden Regen die wohl längste Abfahrt der
Welt hinunter nach Todtnau – schön ist anders. Durchgefroren entschlossen wir uns im Tal zu
bleiben und dem schönen Fluss Wiese zu folgen. Alles schön flach und der Körper kam langsam
wieder auf Temperatur. Die beiden Zacken am Ende – hmm… ja der erste war mal wieder ne
falsche Abbiegung auf nen Wanderweg, wodurch wir aber eine gute Pizzeria mit dem typisch
italienischen Namen „Zum Hirschen“ – aber waschechten Mafioso als Pizzabäcker –fanden. Der
letzte Zacken sollte sich als unnötigster der ganzen Tour herausstellen, kam man doch nach
einer halben Stunde erneut an der Pizzeria vorbei. Sei´s drum – schließlich fanden wir unsere
Pension in Steinen und sogar die Sonne hatte Erbarmen. Die Räder sahen vom Bremsbelag und
Dreck unter aller Kanone aus – kein Problem – Gartenschlauch war vorhanden. Im gemütlichen
Bett mit eiskaltem Flaschenbier aus der Minibar klang der Abend locker aus.
Ein paar Daten:
Höhenmeter bergauf:
   1075m
Strecke bergauf :
  17,05km mit durchsch. 10,75km/h den Feldberg hoch
Durchschnittliche Herzfrequenz:       117 Schläge/min (maximal 170)