Von Kirkel nach Sylt - entlang der vielleicht
schönsten Flüsse und Küsten Deutschlands
14 Tage, 12 Etappen, 1420 km und über 68 Std. im Sattel – die
Bilanz dieser aufregenden und die für uns bisher längste
Radtour. Materialschäden, schlechtes Wetter von Sturmböen,
stetigem Gegenwind, Sprühregen, heftige Gewitter und
Regengüsse oder Temperaturunterschiede von 12° bis 35°C.
Doch die widrigsten Umstände konnte uns nicht aufhalten das
gesetzte Ziel, den nördlichsten Punkt Deutschlands auf Sylt, zu
erreichen.
Die Tour begann sehr euphorisch und wir erledigten die erste
Etappe von Kirkel nach Bingen am Rhein über 130km in Rekordzeit ohne
Zwischenfälle und mit nur einer Pause nach 74km. Landschaft und Strecke war
uns schon bekannt so dass Navigation kein Problem war. Quartier war die
Jugendherberge Bingen die an dieser Stelle nur empfehlen kann.
Dann ging’s weiter von Bingen nach Weilburg. Das warme uns heiße Wetter der
nächsten Tage kündigte sich an und die Distanz über 160 km forderte erstmals
unsere Kondition. Am Rhein entlang bis kurz vor Koblenz und durchs Lahntal bis
nach Weilburg. Besondere Herausforderung an diesem Tag der etwa 4km lange
Anstieg nach Holzappel mit durchschnittlich 10% Steigung. Bei Temperaturen von
ca. 30°C und praller Sonne eine schweißtreibende Sache. Doch bei einem kühlen
Bierchen und gutem Abendessen im Hotel wurde schnell regeneriert für den
nächsten Tag. Übrigens die bis dahin längste Etappe der OTR Geschichte.
Wie angekündigt steigerte sich das Wetter bei Etappe drei, von Weilburg nach Bad
Hersfeld, zur Hitzeschlacht. Beim start morgens um 8 Uhr war allerdings das
Ausmaß des heute notwendigen Kraft und
Schweißaufwand nicht abzuschätzen. Oberste
Direktive heute - das Trinken! Regelmäßig und
ausreichend trinken war heute das unerlässliche
taktische Mittel um ans Ziel zu gelangen. Nicht
absehbar war auch die Distanz. Die geplanten
140km streckten sich auf 167km! Bei Temperaturen
von 35°C und dem doch eher anspruchsvollen Profil
der Etappe schien das Ziel gegen Nachmittag
unerreichbar zu sein. Eine Physische und Mentale
Gradwanderung zu diesem Zeitpunkt am schwanken war. Doch mit nachlassenden
Temeraturen gegen Abend, nur ein paar Grad, und das am Ende flach auslaufende
Profil gab neue Energie und die „zweite Luft“ um die Etappe nach über 8 Stunden
im Sattel und ca. 5 Liter Wasser zu ende zu bringen. Wieder den OTR
Etappendistanz Rekord geknackt, wenn auch unfreiwillig.
Etappe 4 von Bad Hersfeld nach Bursfelde begann mit Navigationsschwierigkeiten.
Gleich zu Beginn gingen wir im Schilder-Wirr-Warr unter und verloren fast eine
Stunde. Es war noch heißer als gestern, trotzdem erreichten wir nach 100km
Kassel. Dort gings ab in den Waschsalon, da sämtliche Garnituren bereits als
ungenießbar klassifiziert wurden. Auf den Irrwegen raus aus Kassel erwischte es
diesmal Michi´s Schaltung, als sich das mittlere vordere Kettenblatt am Steilhang
deformierte. Da die anderen beiden Blätter noch funktionieren ging es aber
trotzdem weiter. In Hannoversch Münden (da wo sich Fulda und Werra küssen und
die Weser bilden) tankten wir schon spät am Abend Kraft beim China-Mann um die
letzten 20km an der Weser ganz entspannt auszurollen. Im weltschönsten
Biergarten zwischen Feldern und Weser klang der herrliche Sommertag wie
gewohnt aus.
Der Einstieg zur 5. Etappe gestaltete sich problemlos,
der Radweg vor der Tür und ein reichhaltiges
Frühstück machten es möglich.
Stimmung top und bock auf Radfahren…. echt krank.
Also ab aufs Rad und los gings zur nächsten Werkstatt
das Dilemma mit dem demolierten Kettenblatt wieder
hinzubiegen. Der in Folge meist gehörte Satz: „ Den
Laden gibt’s nicht mehr“ oder „Dieses Kettenblatt haben wir nicht“. Doch das
passende Ritzel wurde letztlich doch gefunden, keine Ahnung im wievielten Laden.
Durch die neugewonnene Freiheit, zu schalten in allen Gängen, motiviert gings
weiter. Geradewegs in eine Gewitterfront. Ab diesem Zeitpunkt wurde es nass bis
zum Etappenziel in Hameln.
Bei Spaghetti und ner Flasche Wein klingt diese vergleichsweise eher kurze
Etappe (120 km ohne auch nur einen nennenswerten Berg) aus.
Tag 6: Hameln – Nienburg 115km
Verdammt kalt wars zu Beginn – und gegenwindig noch dazu. Daher quälten wir
uns wirklich die ersten 30km bis Rinteln. An der ortsansässigen Tankstelle begann
das nächste Debakel, als Michi´s Vorderrad-Schlauch, der in Fachkreisen seit
geraumer Zeit für sein zur Undichtigkeit neigendes Ventil bekannt ist, unser
routinemäßiges Aufpumpen derart übel nahm und partout keine Luft mehr bei sich
behalten wollte. Dummerweise bemerkten wir das erst 10km später mitten im
Nirgendwo. Die Route wurde abgekürzt und in Porta Westfalica fanden wir endlich
einen Radladen. Da wir natürlich Ersatzschläuche dabei hatten eine Sache von
15min. Dank präsidialer Telefonnavigation fand die Mittagspause im Mindener
Burger-King statt, was die Laune des Hauptbetroffenen erfahrungsgemäß hob. Der
Rest des Tages – gemütliche 60km bei nachlassendem Wind und immerhin 15°C –
lief dann wie am Schnürchen, weshalb wir bereits um 17 Uhr das
Naturfreundehaus in Nienburg erreichten, wo zufällig gerade die Happy Hour
begann. Überraschenderweise konnte man das Pils („Barre“) sogar trinken – war
aber auch kalt.
Die 90 km von Nienburg nach Bremen war ne problemlose Kurzetappe zur
Erholung jedoch erwischte uns in Bremen kurz vorm Ziel wieder mal der Wettergott
und schickte uns ne kräftige Dusche. Abends gings nach Bremen in die Stadt
überschüssige Kraft abbauen.
Tag 8: Bremen – Wremen 100km
Nach einem guten Frühstück fanden wir (schon wieder bei Nieselregen) problemlos
aus Bremen raus. Doch erneut war der Wind gegen uns und kam stetig von vorne.
Aufgrund der unbekannten Etappenlänge wurde Michi dann auch aufgrund
Rouven´s gemächlichen Anfangstempos etwas nervös, wurde jedoch von diesem
gleich belehrt, dass hier schnelleres Fahren nicht zur früheren Ankunft führen
würde. Kurze Zeit später hatten wir dann dank twix und mp3-Player unseren
Rhythmus wieder gefunden, gaben die „Top 50 Cabrio Hits“ zum Besten und
rauschten Richtung Nordenham. Die Strecke verlief meist auf der Weser-
abgewandten und von grasenden Schäfchen bevölkerten Deichseite. Bei km 70
wars dann soweit – wir erreichten die 1000km-Marke der Tour – eigentlich
unglaublich wie schnell das ging. Das musste natürlich gefeiert werden:
Glücklicherweise fanden wir direkt am Radweg ein Restaurant mit Weserblick,
dessen „frischgefangenes“ Schollen- bzw. Limodasfilet mit frischen Krabben an
Salzkartoffeln mit Buttersauce uns regelrecht von den Socken haute – wahrhaft
würdig fürs Jubiläum. Mit der Fähre gings über die Wesermündung von Blexen
nach Bremerhaven. Die Planer des Weserradwegs meinten es wohl gut, als sie die
Route durch das Hafengelände des Frachthafens legten. Ist auch echt interessant
– aber bei dem aufkommenden Sturm auch nichts für schlechte Nerven. Die letzten
10km gings direkt am Meer entlang gegen den immer stärker werdenden Wind –
brachial brutal. Teilweise der Puls bei 160 und gerad mal 14km/h auf em Tacho.
Gegen halb 6 erreichten wir Wremen und genossen erst einmal einen Blick auf die
stürmische See.
Tag 9: Wremen – Glückstadt 101 km
Diese Etappe wär beinahe schwer in die Hose gegangen: Eigentlich wollten wir von
Cuxhaven direkt nach Brunsbüttel „fähren“. Doch diese
Fähre legt nur dienstags und donnerstags ab – zum
Glück hat das Rouven noch gemerkt. Daher mussten
wir ein ganzes Stück in die falsche Richtung
zurücklegen.
Aber von vorne: Bei immer noch böigen Verhältnissen
starteten wir heute morgen zur 9. Etappe von Wremen
über Cuxhaven nach Wischhafen, wo wir mit der Fähre
über die Elbe nach Glückstadt übersetzten. Der Weg
nach Cuxhaven wurde zum Kampf gegen den Wind.
Starke Windböen forderten uns, was wir im belgischen Kleinkreisel jedoch
souverän meisterten. In Cuxhaven angekommen, forderten wir das Schicksal
heraus, als wir bewusst niemanden nach dem ortsansässigen Schlemmerinstituten
interviewten. Als dann doch der gelb-orangene BK-Fresstempel am Horizont
auftauchte, war der Tag bereist gerettet. Anschließend schlugen wir dem Wind ein
Schnäppchen, wechselten die Richtung nach Süd-Ost und heizten bei starkem
Rückenwind mit hoher Reisegeschwindigkeit bis Wischhafen. Ein verdientes
Weizenbier verkürzte die Wartezeit auf die Fähre über die Elbemündung zum
Quartier in Glückstadt.
Tag 10: Glückstadt – Tönning 115km immer gegen den Wind
Heute waren die Beine schwer und das Radeln genau gegen
den Wind begann etwas schleppend. So gings fleißig
strampelnd weiter – immer direkt am Meer entlang, was man
beim genaueren Nachdenken ja auch nicht jeden Tag macht.
Machte daher auf jeden Fall Laune. Ein wenig Motzen
mussten wir über die Beschilderung, die heute sehr zu
wünschen übrig ließ. Nachdem wir endlich den schmalen
Deichweg von Büsum hoch gefunden hatten und eine ewig lange (ca. 20km)
Gerade vor uns hatten, bollerten wir diese mit Helmkamera und ordentlicher Mucke
mal schön durch. Die Nordfriesen haben scheinbar noch nie zwei bekloppte
Saarländer gesehen – zumindest guckten sie mal so. In Tönning angekommen
erlebten wir den nächsten Defekt. Beim SCHIEBEN !!!! der Räder OHNE !!!
Tasche brach Rouvens Gepäckträger ab. Schraube durch. Nicht auszudenken,
was bei 30km/h mit Tasche drauf hätte passieren können. Die Reperatur wurde auf
den nächsten Tag verschoben. Bei einer großen Fischplatte nahmen wir neue
Energie für den nächsten Tag auf.
Etappe 11: Tönning - Niebüll
Dank eines Baumarktes im Ort der zwar nicht als solcher wirklich zu erkennen war
aber dank Einheimischer Hilfe entscheidende Lösungen brachte wurde der Träger
repariert. Manch ein bekannter Baumarkt ist wahrlich nicht so gut sortiert wie dieser
der die nötigen Ersatzteile vorrätig hatte. Echt eine Überraschung wenn man
bedenkt daß Tönning kleiner als Kirkel wirkt und das Malheur genauso gut
irgendwo in der Pampa seine Tragweite hätte zur Geltung bringen können. Glück
gehabt!! Träger repariert, weiter gings auf unserer Tour!
Bei grauem Wetter ohne Sonne und erneut starkem Wind mit gelegentlichem
Sprühregen gings weiter bis Niebüll. 100 km Etappe ohne wirkliche Anstrengung
mit durchaus schöner Aussicht. Der Kraftteil war geschafft.
Etappe 12: Tour d´Honneur auf Sylt 45km
Pannen, Wind, Sturmböen, Hitzeschlachten, Gewitter, Unfälle,
Materialermüdungen, Flensburger Weizenbier und
56%-iger Friesengeist – allen äußeren Widrigkeiten
zum Trotz erreichten wir am 06. Juli 2011
Deutschland nördlichste Insel. Dies leider mit dem
Zug – die sollten mal nen Radweg bauen – genug
Platz wär auf dem Damm noch. Die Sensation: Seit
gefühlten 12 Tagen schien mal wieder die Sonne
und bei sommerlichen!!! 24°C gings sogar im
Kurzarmtrikot los. Die Fahrt quer durch die Sylter
Dühnen war definitiv ein würdiger Abschluss der
Tour. Und nach 25km waren wir dann wirklich ganz
oben – nach 12 Tagen quer durch Deutschland endlich am Ziel zu sein ist dann
auch schon ein sehr emotionales und erhabenes Gefühl.
Blieb dann noch die Sache mit dem Meer zu klären: Ein Besuch im Strandbad für
3,50€ Eintritt und 9€ den Strandkorb ist ja quasi geschenkt. Zudem sind wir ja als
Badeweiher-Besucher Temperaturen um die 20°C gewohnt, aber bei 16°C zieht
sich schon alles verdammt zusammen. Erfrischt aber. Hinzu kommt, dass wir dank
total käsiger Oberkörper und Füßen neben braungebrannten Armen, Beinen und
Häuptern zur Belustigung der übrigen Urlauber beitrugen – seis drum – wir waren
jetzt auch IM Meer. Leider braute sich am Horizont das nächste Gewitter
zusammen – muss ja auch mal regnen. Mittlerweile hatten wir das
Timing aber raus und saßen beim Wolkenbruch bereits im orginal
bayrischen Hendl-Schuppen bei Weizenbier und
Schupfnudelpfanne im Trockenen. Von da aus gings mit der Bahn
nach Hamburg wo der Tourerfolg gefeiert wurde.
Aller Mühen wert! - war diese Tour. Selten hat man die Gelegenheit so viel vom
eigenen Land zu sehen. Die Tour war von Anfang an unter einem gewissen
sportlichen Aspekt geplant und so blieb meist auch keine Zeit für größere
Sightseeing Touren in den befahrenen Städten. Allerdings bekam man dafür ein
intensives Landschaftserlebnis deren Wert vielleicht um ein vielfaches höher ist.